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Nachruf auf die Autonomen

Mit der Organisierungsdebatte und der Patriarchatsdiskussion versuchen die Autonomen Anfang der 90er Jahre auf den Bewegungsabschwung im Zuge der deutschen Vereinigung zu reagieren und neue politische Perspektiven zu eröffnen. Das vorliegende Buch "Die Autonomen zwischen Subkultur und sozialer Bewegung" greift diese Diskussionen um das Verhältnis von Theorie und Praxis, Aktionsformen, Organisationsmodelle und interne Strukturen auf und verbindet sie mit der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung zu sozialen Bewegungen. Das besondere Interesse der Arbeit gilt dabei dem Stellenwert von Bewegungskultur für soziale Bewegungen und der (jugend-)kulturellen Seite der Autonomen. Aus diesem Grund wird auch der Stilbegriff aus der Jugendsubkulturforschung als Erklärungsmodell heran gezogen. Die als Dissertation geschriebene Monographie geht zunächst auf sozialwissenschaftliche Bewegungstheorie ein und stellt die Kernelemente der autonomen Bewegungskultur vor. Konzeptioneller Ausgangspunkt des anschließenden, historischen Teils sind die Organisierungsversuche der Berliner Gruppe fels (Für eine linke Strömung) und der Autonomen Antifa (M) aus Göttingen. Beide wollen "Verbindlichkeit" und "Kontinuität" in die autonome Politik bringen und eine überregionale Organisationsstruktur aufbauen, was sie Mitte der 90er Jahre in der Antifaschistischen Organisation/Bundesweite Organisation (AA/BO) zusammenbringt. In der Art und Weise, wie sie diese Ziele erreichen wollen, unterscheiden sich die beiden Gruppen aber erheblich: Während bei der Antifa (M) mit Schwarze-Block-Demonstrationen eine Aktionsform im Mittelpunkt steht, versucht fels über intellektuelle Diskurse zu einer erfolgreichen politischen Praxis zu kommen. Parallel zu diesen Organisationsversuchen werden die internen Strukturen der Autonomen thematisiert. Im Mittelpunkt steht dabei die Kritik an Militanz als männlichem Gewaltverhalten sowie an sexistischen Verhaltensweisen. Die "Patriarchatsdiskussion" wird in vielen größeren Städten quer durch die alte Bundesrepublik geführt, meist anhand von Vergewaltigungsvorwürfen gegen einzelne Szeneangehörige. Sie trägt zu dem neuen autonomen Selbstverständnis bei, als "weiße MetropolenbewohnerInnen" (und Männer) selbst Teil von "Unterdrückungsstrukturen" zu sein. Nach knapp zehn Jahren kann resümiert werden, dass alle drei Strategien, nach Anfangserfolgen, nicht zu einem neuen Bewegungsaufschwung geführt haben. Sie scheitern jeweils auf spezifische Weise an dem "Primat der Praxis". Während fels und der autonome Feminismus keine Mobilisierungsanlässe finden oder schaffen können, an denen sich ihre politischen Vorstellungen ausdrücken lassen, richtet die Antifa (M) ihre Rhetorik und Organisierungsbemühungen ganz auf die Aktionsform aus. Nachdem ihre militante Selbstdarstellung kriminalisiert wird, fällt auch ihr Organisationskonzept in sich zusammen. Die Fragen aus der Organisierungsdebatte stellen sich aber genauso für die Mobilisierungserfolge der 80er Jahre: Wurden politische Möglichkeiten durch mangelnde Organisationsstrukturen verschenkt? Waren die Autonomen tatsächlich so strategielos, spontan und unberechenbar, wie sie in den Medien dargestellt wurden und wie sie selbst zum Teil glauben? Ist ihre Militanz nichts weiter als patriarchale Gewalt? Die Antworten sind in mehrerlei Hinsicht überraschend, zumindest was den Mythos von der "spontanen Rebellion" angeht, denn die autonomen Bewegungshighlights sind keineswegs voraussetzungslos und unorganisiert. Autonome Militanz braucht nämlich bereits etablierte éKonflikt-Arenen', damit sie als politische Äußerung verstanden werden kann. Zudem muss ein Umfeld vorhanden sein, dass direkte Aktionsformen toleriert, weil die Autonomen sonst einer polizeilichen Übermacht ausgeliefert sind. Darüber hinaus folgt die Politik der Autonomen aber keinem klaren Muster. So zeigen die drei Beispiele aus der Anti-AKW-Bewegung, Gorleben, Brockdorf und Wackersdorf und der Vergleich zwischen dem Berliner Häuserkampf und der Hamburger Hafenstraße, wie sehr sich die Konfliktverläufe und die sich daraus ergebenden Handlungsmöglichkeiten für die Autonomen, auch innerhalb der selben Bewegung, unterscheiden. Aber auch die Autonomen selbst verhalten sich ganz unterschiedlich und sind verschieden stark in die Gesamtbewegungen eingebunden. Dabei zeichnet sich allerdings eine Entwicklung ab von der Entstehungszeit, in der sie eher expressiv mit Gewalt umgehen und in erster Linie bei Veranstaltungen auftreten, an deren Vorbereitung sie wenig Anteil haben bis zur zweiten Hälfte der 80er Jahre, als Autonome selbst in der Lage sind, Demonstrationen und Kampagnen zu organisieren. Den Aufbau einer vom linken Umfeld unabhängigen Bewegung wird aber letztlich durch das strukturelle Problem verhindert, militante Selbstdarstellung nicht organisieren zu können, weil sie von der Ordnungsmacht nicht geduldet wird. Das wird bei der Kampagne gegen den IWF- und Weltbankkongress 1988 in Berlin deutlich, als die Veranstaltungen trotz sehr guter Vorbereitung schlecht besucht sind und keine Möglichkeit zu direkten Aktionen bieten. Die Geschichte der Autonomen in den 80er und 90er Jahren bestätigt die sozialwissenschaftliche Theorie vom Mobilisierungshandeln als zentralem Element sozialer Bewegungen. Es sind die Mobilisierungsanlässe, die das Bild der Autonomen nach innen und außen prägen und von denen letztlich die Existenz der Bewegung abhängig ist. Aber worin liegt das Besondere bei den Autonomen? Militanz hatte es bereits bei Protestveranstaltungen in den Jahre gegeben, ohne dass eine autonome Bewegung entstanden ist. Die Antwort liegt in der Stilbildung: Politisches Handeln und Ästhetik verbinden sich zu einer spezifisch autonomen Bewegungskultur, die sie nach innen und außen zu einer abgrenzbaren Einheit werden lässt. Militante Selbstdarstellung, Vermummung und schwarze Kleidung verschmelzen zu einem jugendkulturellen Stil, in dessen Zentrum eine "kämpferische Haltung" steht. Erst danach werden Organisationsstrukturen gebildet, mit denen die Autonomen zu einer handlungsfähigen Bewegung werden. Dabei handelt es sich nicht nur um ein ästhetisches Phänomen, weil auch die Politik der Autonomen Teil dieses Stils ist, wenn sie den Anspruch verfolgt, radikal, kompromisslos "und systemoppositionell" zu sein. Ähnlich wie bei Jugendsubkulturen geht auch von den Autonomen ein Identitätsangebot aus, das über öffentliche Auftritte vermittelt wird. Diese Parallelen zu Jugendsubkulturen wie Punks oder Rockern dürfen aber nicht dazu führen, die Autonomen als ein "unpolitisches" Phänomen zu behandeln. Anders als bei Jugendkulturen und Moden beinhaltet der Stil der Autonomen politische Ziele und braucht einen politischen Kontext, um sich präsentieren zu können. Zudem ist die Ausbildung einer Bewegungsidentität keineswegs auf die Autonomen beschränkt. Auch bei anderen sozialen Bewegungen bildet sich eine Bewegungskultur aus Aktionsformen, Ritualen und Symbolen, die mit den politischen Forderungen kompatibel sein muss. Weiter gedacht hat jedes politische Engagement einen Identitätsaspekt, unabhängig vom Rahmen, in dem es sich vollzieht, weil Meinungen und Werte in der politischen Auseinandersetzung erst dadurch Bedeutung erlangen, dass konkrete Personen sie vertreten. Die Abhängigkeit sozialer Bewegungen von Aktionsmöglichkeiten, wie sie von der sozialwissenschaftlichen Theorie angenommen wird, wird durch den Blick auf die Bewegungskultur bestätigt. Aktionen dienen nicht nur dazu, politische Themen in die Medien zu bringen und Ziele zu transportieren, sondern auch dazu ein öffentliches Bild von sich erzeugen, das AnhängerInnen einbindet. Das zeigt sich in den 90er Jahren, als die Medienpräsenz der Autonomen abnimmt und nur noch im Antifa-Bereich Mobilisierungserfolge erzielt werden können. Die Autonomen verlieren den Kontakt zu jugendkulturellen Trends und ihre Mobilisierungsfähigkeit.

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